Teilkonzept

„Sexualpädagogische Begleitung“

Für das Soziale Rehabilitationszentrum- Internat Parasolka, Tjachiv

 

Inhaltsverzeichnis                                                                                                                     Seite

 

 

1.     Einleitung                                                                                                             3

Ziel des Teilkonzeptes                                                                                                                   

Allgemeine Begrifflichkeit                                                                                                 

                                                                                                                                            

2.     Sexualität und Behinderung                                                                            3

Die Grundhaltung zur Sexualität                                                                                        

Sexualpädagogische Begleitung                                                                                         

Möglichkeiten und Grenzen des Wohnheims Parasolka                                                                                    

 

3.     Das Thema „Nähe/Distanz“ in der Betreuung                                             4

„Fremd“ und „vertraut“                                                                                                     

Die professionelle Haltung beim vermitteln von Geborgenheit                                        

Sicherheit der Mitarbeitenden                                                                                           

 

 

4.     Sexualpädagogische Betreuung, Aufklärung und Begleitung                   5

Ausgangslage                                                                                                                      

Aufklärung bei Menschen mit leichter oder mittelschwerer körperlicher und                

geistiger Behinderung

Möglichkeiten für das Sexualleben der Parasolka-Bewohner                                           

Verhütung                                                                                                                           

Grenzen für die  Mitarbeitenden bei der Sexualbegleitung                                                         

 

 

5.     Sexuelle Gewalt                                                                                                  7

Sexuelle Handlungen                                                                                                          

Sexuelle Missbrauchsformen                                                                                                         

Sexuelle Gewalt und Behinderung                                                                                      

Symptome und Verhaltensauffälligkeiten bei sexuellem Missbrauch                               

 

 

6.     Vorbeugende Massnahmen gegen sexuelle Ausbeutung                          9

Prävention                                                                                                                           

Pädagogische Hinweise zur Prävention sexueller Ausbeutung                                          

Vorgehensweise bei Verdacht auf sexuelle Ausbeutung                                                   

 

Nachwort                                                                                                                       10

 

 

 

 

1.     Einleitung

 

Dieses Konzept richtet sich in erster Linie an alle Betreuungsmitarbeitenden und an die Führungspersonen des Wohnheims Parasolka. Das Thema „Sexualpädagogische Begleitung“ wurde in drei Weiterbildungsveranstaltungen in den Jahren 2010 und 2011 unter der Leitung der Ressortleiterin Pädagogik des Vereins Parasolka eingeführt.

 

Ziel des Teilkonzeptes

In diesem Teilkonzept wird das Thema „Sexualpädagogische Begleitung“ beschrieben.

Ausgehend von der Grundhaltung Menschen mit einer Behinderung gegenüber wird der agogische Auftrag bezüglich dieses Themas beschrieben.

Dieses Teilkonzept

·         soll den *Bewohnerinnen und Bewohnern Sicherheit und den Mitarbeitenden Unterstützung bieten

·         Grundhaltungen aufzeigen die zur Sicherheit im Umgang mit dem Thema Sexualität führen

·         Grenzen und Möglichkeiten in der sexualpädagogische Begleitung aufzeigen

·         Auf die Verantwortung der Mitarbeitenden und Bewohner bezüglich dieses Themas hinweisen.

 

Allgemeine Begrifflichkeit

Wir verstehen den Begriff Sexualität als eine Lebenskraft, die in einem breiten Spektrum von menschlichen Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen kann. Sexualität ist nicht ans Alter gebunden: Abhängig von Alter und Lebensphase werden die Aspekte Zärtlichkeit, Sinnlichkeit,  Triebhaftigkeit, Erotik und Intimverkehr mehr oder weniger intensiv gelebt. Diese menschlichen Bedürfnisse nach Liebe, Beziehung und Sexualität respektieren wir auch bei Menschen mit einer Behinderung.

 

2.     Sexualität und Behinderung

 

Die Grundhaltung zur Sexualität

Integrität und Sexualität sind wesentliche Kenmerken unserer Persönlichkeit. Wir alle sind sexuelle Wesen und haben den Anspruch Sexualität leben zu können. Sexualität bedeutet, seine Identität und Rolle als Frau oder als Mann zu finden. Sexualität bedeutet auch die Fähigkeit Lust für sich oder in der Zweisamkeit zu empfinden, Beziehungen emotional zu gestalten und Gefühle auszudrücken.

In Artikel 1 der internationalen Deklaration der Rechte für Menschen mit einer geistigen Behinderung  heisst es:  „Ein Mensch mit einer geistigen Behinderung  hat die gleichen Grundrechte wie jeder andere Bürger seines Alters und seines Landes“ und damit auch Recht auf ein Sexualleben.

Der zweite Satz in den Leitideen des Wohnheims Parasolka lautet: „Die Grundidee des Wohnheims beruht auf den Leitsätzen der Menschenrechtskonvention“. Eine  andere Leitidee beschreibt die Aufgabe der Mitarbeitenden folgendermassen: „Freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen unter den Bewohnern werden sorgfältig begleitet“.

 

 

 

 

*Um Schwerfälligkeit in der Sprache zu vermeiden wird im Folgenden  nur der Begriff „Bewohner“ ausgeschrieben. Damit werden aber Bewohner und Bewohnerinnen gemeint.

 

 

Sexualpädagogische Begleitung

Es gehört zu den Betreuungsaufgaben den Bewohnern zu helfen einen eigenen Weg im Umgang mit ihrer Sexualität zu finden. Die Mitarbeitenden sind darauf sensibilisiert  Bedürfnisse nach Liebe, Beziehung und Sexualität zu erkennen und im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften zu begleiten.

Bei Menschen mit einer Behinderung entspricht die körperliche Reife vielfach nicht der regulären Entwicklung. Die kognitiven und affektiven Voraussetzungen für den Umgang mit sexuellen

Bedürfnissen sind vielfach unzulänglich. Die Identifizierung mit der Rolle Mann-Frausein braucht Unterstützung. Eine körperliche Beeinträchtigung kann das positive Körperempfinden einschränken.

Die nötige Intimsphäre für das Sexualleben ist durch institutionelle Rahmenbedingungen nicht immer gewährleistet. In der sexualpädagogische Begleitung wird die Aufklärung der kognitiven Möglichkeit der Bewohner angepasst  und dem Sexualentwicklungsalter entsprechend durchgeführt. In folgenden Kapiteln wird ausführlich darauf eingegangen.

 

Möglichkeiten und Grenzen des Wohnheims Parasolka

Um den Auftrag bezüglich sexualpädagogischer Begleitung zu realisieren gilt im Wohnheim Parasolka folgende Praxis: In der interdisziplinären Zusammenarbeit wird regelmässig über diese Thema ausgetauscht. Es gehört zur Parasolka-Kultur in den Teamsitzungen eine Sprache zu entwickeln und offen über dieses Thema zu reden. Das medizinische Personal ist die erste Anlaufstelle, wenn die Tanne-Mitarbeitenden Beratung oder Unterstützung brauchen für ihre sexualpädagogischen Aufgaben. Alle Mitarbeitende kennen das vorliegende Teilkonzept und neue Mitarbeitende werden darin eingeführt. Weiterbildungen zu diesem Thema werden ermöglicht. Moralische und religiöse Wertvorstellungen werden von allen respektiert, gleichzeitig werden die Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt. Wünsche der Bewohner in Sache Partnerschaft, Liebe und Intimität werden sorgfältig begleitet und je nach Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit positiv unterstützt. Für die Mitarbeitenden gelten die Bestimmungen des Gesetzes und bei begründetem Verdacht auf sexuelle oder gewalttätige Übergriffe auf Bewohner erfolgt bis zur definitiven Abklärung eine sofortige Freistellung von der Arbeit. Bei erwiesenem Tatbestand erfolgt die fristlose Kündigung.

 

3.     Das Thema „Nähe/Distanz“ in der Betreuung

 

„Fremd“ und „vertraut“

Für die eigene Sicherheit ist es wichtig, dass die Bewohner lernen selber über „Nähe“ und „Distanz“ zu bestimmen. Sie sollten eine Intuition dafür entwickeln, wann Nähe angebracht ist und wann nicht.

So kann sich zur eigenen Sicherheit ein Schamgefühl entwickeln. Wichtige Lernprozesse hierbei sind unterscheiden zu können zwischen „fremd“ und „vertraut“, „gemeinsam“ und persönlich“.

Die Parasolka-Bewohner sind im Allgemeinen sehr offen und spontan, auch Fremden gegenüber. Sie sollten aber immer wieder dazu angeleitet werden sich  z. B. an akzeptierbare Begrüssungsrituale zu halten und Nähe und Distanz zu gewährleisten.

 

Zum Thema „*Berührungen“  kann das heissen:

-       Berührungen sind etwas Schönes , solange sie freiwillig und erwünscht sind

-       Es gibt Berührungen, welche angenehme und solche welche unangenehme Empfindungen auslösen. Wenn es unangenehm wird, darf man sich abgrenzen.

-       Es gibt Berührungen, die komische Gefühle auslösen und verwirren. Auch in diesem Fall darf man sich wehren.

-       Mit derselben Person kann es gute und schlechte Erlebnisse geben

-       Es gibt gute und schlechte Geheimnisse und die schlechten sollte man weiter erzählen. Die Guten darf man für sich behalten.

 

 

Die professionelle Haltung beim vermitteln von Geborgenheit

Affektivität im Sinne von Zärtlichkeit, Streicheln, Trösten, Umarmen sind Grundbedürfnisse eines Menschen. Die emotionale Beziehungsebene zwischen Betreuungspersonal und Bewohnern soll dies ermöglichen und die Spontanität muss gewährleistet sein. Die Mitarbeitenden sind sich dabei bewusst, dass sie einen professionellen Auftrag erfüllen. Es gilt die Richtlinie: Eine berufliche Nähe aufzubauen, beruflich im Unterschied zu einem privaten Nähe. Man soll  eingehen auf Grundbedürfnisse, solange es noch beim Bewohner, noch bei der Betreuungsperson eine sexuelle Komponente hat. Wenn Erregung spürbar ist, soll man die Handlung unterbrechen.

 

Sicherheit der Mitarbeitenden

Das Thema „Nähe und Distanz“ wird regelmässig in den Teamsitzungen besprochen.

Nicht tolerierbare Verhaltensweisen von Bewohnern werden sofort thematisiert. Aufdringlichkeiten von Seiten der Bewohner werden resolut unterbunden. Wenn sie mit Gewalt verbunden sind, werden die von der Direktion festgelegten Massnahmen eingeleitet.

 

4.     Sexualpädagogische Betreuung, Aufklärung und Begleitung

 

Ausgangslage

Im Grunde genommen ist die Sexualerziehung von frühester Kindheit an einen integrierten Bestandteil der Gesamterziehung und wird als lebenslange Aufgabe gesehen. Die  Selbstbestimmung in der  Erziehung gilt auch für die sexuelle Ebene. Jedem Mensch soll ermöglicht werden, den eigenen Körper zu akzeptieren, Gefühle zuzulassen, Beziehungen zu gestalten, Zärtlichkeiten anzunehmen oder abzulehnen.

Für die Betreuungsarbeit im Wohnheim Parasolka heisst das, dem Bewohner lernen, dass die hygienische Versorgung wichtig ist für die Gesundheit, für das Wohlbefinden und für die Akzeptanz im direkten Umfeld und in der Gesellschaft. Eine gepflegte Erscheinung ist die beste Visitenkarte.

So wie die Mitarbeitenden eine Sprache entwickeln müssen um offen über das Thema Sexualität reden zu können, so müssen auch die Bewohner ihre Körperteile benennen und ihre Gefühle verbalisieren können. Letztes ist vor allem wichtig, bei sexueller Gewalt.

Bei der Aufklärung sollen Themen wie Mann-/Frau-Rollenverständnis, Freundschaft, Verliebtheit, Partnerschaft, Verhütung, Schwangerschaft, Kinderwunsch, sowie Verhaltensregeln bezüglich intimer Selbsterfahrung diskutiert und die Grenzen und Möglichkeiten aufgezeigt werden.

 

Aufklärung bei Menschen mit leichter oder mittelschwerer körperlicher und geistiger Behinderung

 Ziel ist eine Fähigkeit zu vermitteln über Sexualität sprechen zu können und Gefühlen, Wünschen, Fragen und Ängsten auf persönliche Art Ausdruck geben zu können.

Wichtige Punkte in der Sexualerziehung:

Als Basis für eine bedürfnisorientierte Begleitung im Bereich Sexualität dient der individuelle Entwicklungsstand des einzelnen Bewohners.

Wichtige Themen sind:

  • Dem Bewohner lehren “JA“ zu sagen um etwas zuzulassen und „Nein“ zu sagen, um etwas abzulehnen.
  • Vermitteln einer differenzierte Körperwahrnehmung: Sensibilisierung für einzelne Körperteile
  • Einhalten einer hygienischen Körperpflege von Haare waschen bis Intimpflege
  • ein positives Selbstbild ermöglichen durch Wertschätzung und Komplimente über das Aussehen
  • Unterschiede und Rolle von Mann und Frau kennen, sich dementsprechend kleiden, schminken, pflegen.

·         Körperteile benennen können und eine Sprache entwickeln um über Liebe, Freundschaft und Sexualität reden zu können

·         Nähe/Distanz: Sich davon bewusst sein an welchen Körperstellen Berührungen akzeptierbar und wo sie tabu sind: Für sich und für andere wissen was grenzüberschreitend ist

  • Aufklärung über die Entwicklung des menschlichen Körpers und über das Gefühlsleben.

Themen hierbei sind:

-       Unterschiede zwischen Mann und Frau

-       Selbstbefriedigung

-       Sexualverkehr

-       Verhütung

-       gleichgeschlechtliche Liebe

-       Geschlechtskrankheiten

-       sexuelle Gewalt.

(Siehe auch: „Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen“, Bundesvereinigung Lebenshilfe, Büro Camz oder Oxana J., Vilshany und der Aufklärungsordner „Herzfroh“, Büro Parasolka.)

-       Freiräume und Intimbereiche zugestehen und darauf sensibilisieren, Scham respektieren: keine ständige Kontrolle

-       Freundschaft, Verliebtheit, Partnerschaft, Schwangerschaft und Kinderwunsch thematisieren

-       Grenzen der Behinderung bewusst machen

-       Möglichkeiten bieten, neue Menschen kennen zu lernen: Ausflüge, Lager, Vereine, Disco

-       Informationskanäle zugänglich machen und fördern: Bücher, Medien

-       Gruppen bilden und Themenbereiche ansprechen.

 

Bild Tabuzone

 

Abbildung:

Generell gilt, dass die grau markierten Stellen berührt werden dürfen, die meisten Menschen es jedoch als Grenzüberschreitung empfinden und es daher nicht schätzen, an den restlichen Körperstellen ohne Einwilligung berührt zu werden.

 

Möglichkeiten für das Sexualleben der Parasolka-Bewohner

Es gehört zu den Betreuungsaufgaben, die Bedürfnisse nach Liebe, Beziehung und Sexualität der Bewohner zu erkennen und diese bei der Umsetzung im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften zu begleiten. Die Bewohner übernehmen dabei so viel Verantwortung wie möglich.

Grundsätzlich stehen den Bewohnern sämtliche Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse zur Verfügung. Entscheidend dabei ist sowohl das Wohlbefinden der Beteiligten und involvierten Personen als auch die Einhaltung der unten aufgeführten Grenzen (Siehe Kapitel „Sexuelle Gewalt“). Unverzichtbar ist auch die Einhaltung der gesellschaftlichen Normen im Bezug auf Ethik und Moral und die stete Wahrung der Persönlichkeit und Diskretion gegenüber Dritten. Es ist die Aufgabe des Betreuungspersonals, die Bewohner in Fragen und Themen bezüglich der Sexualität aufzuklären und Wege aufzuzeigen.

Die Betreuten sollen freundschaftliche Beziehungen aufbauen und pflegen können. Wo nötig stehen ihnen die Mitarbeitenden unterstützend zur Seite und fördern die sozialen Kontakte der Bewohner intern sowie extern nach Möglichkeit und Interesse.

Eine sexuelle und/oder partnerschaftliche Beziehung soll und darf gelebt werden und soll von den Mitarbeitenden akzeptiert und unterstützt werden. Gleichgeschlechtliche Neigungen werden erkannt und respektvoll begleitet. Die Frage zur Eheschliessung und Ehefähigkeit ist im Zivilgesetzbuch im Artikel 94 wie folgt geregelt:

-       Abs.1 Brautleute müssen 18 Jahre alt und urteilsfähig sein.

-       Abs.2 Eine entmündigte Person braucht die Zustimmung des gesetzlichen Vertreters.

Besteht ein Kinderwunsch, so ist es die Aufgabe der Betreuungspersonen, diesen Wunsch aufzunehmen und sorgfältig zu reflektieren. Gesetzliche Vorgaben im Sinne von „Recht auf Familiengründung für Behinderte“, gibt es in der Schweiz nicht (Ukraine?). Eine Lösung sollte entsprechend den Möglichkeiten aller Beteiligten gefunden werden.

 

Verhütung

Die sexuelle Mündigkeit ist gesetzlich beim Erreichen des 16. Lebensjahres festgelegt. So ist der Wunsch nach einer Verhütungsmethode zur Verhinderung einer Schwangerschaft ein Persönlichkeitsrecht auch von Personen mit einer geistigen Behinderung. Die Wahl der Methode kann nur im Austausch mit den betroffenen, Betreuungs- und Pflegepersonal, Direktion und ärztlicher Betreuung erfolgen.

Das Wohnheim Parasolka distanziert sich grundsätzlich von Eingriffen wie  Sterilisation oder Vasektomie.

 

Grenzen für die  Mitarbeitenden bei der Sexualbegleitung

Unbedingter Grundsatz in der Sexualbegleitung ist das Kennen der persönlichen Grenzen von jedem einzelnen Mitarbeitenden und die Akzeptanz dieser Grenzen.

Beihilfe und Anleitung zur konkreten Ausübung von sexuellen Praktiken wie Onanie, Masturbation u. A. liegen ausserhalb des Aufgabenbereichs des Betreuers. Dem Personal ist sich die Grenzüberschreitung zum sexuellen Missbrauch zum vollen bewusst. Inakzeptabel sind sämtliche Handlungen und Kontakte, die unmittelbar zur sexuellen Erregung der jeweiligen Bewohner beitragen bzw. dazu führen. Dieser Regel gilt sowohl für das Personal als auch für die Bewohner dem Personal gegenüber.

Beziehungen die über die „professionelle Nähe“ hinausgehen sind zu vermeiden. Das Wohnheim Parasolka als Institution reagiert darauf mit Sanktionen und juristischen Schritten (Festgehalten im Arbeitsvertrag jeder Mitarbeitenden).

 

5.     Sexuelle Gewalt

 

Sexuelle Gewalt fängt da an, wo eine Person von einer anderen als Objekt zur Befriedigung gewisser Bedürfnisse gebraucht wird. Um solche Bedürfnisbefriedigung zu erlangen, werden vor oder an der Person Handlungen vorgenommen oder von ihr zu tun verlangt, die in unserer Kultur mit Sexualität in Zusammenhang gebracht werden.

 

Sexuelle Handlungen

Unter sexuelle Handlungen wird verstanden:

-       Genital/Oralverkehr

-       berühren und manipulieren an den Genitalien und Brüsten der abhängigen Person

-       masturbieren vor der abhängigen Person

-       Prostitution für Geschenke

-       Vorführen von Sexszenen

-       zielgerichtetes und bewusstes Beobachten der abhängigen Person beim Ausziehen, Duschen etc.

-       sexuell orientiertes Pflegeverhalten

-       oftmalige Verletzung der Intimsphäre etc.

 

Sexuelle Missbrauchsformen

Diese oben genannten Handlungen geschehen entweder gegen den Willen der Person, welche die betreffende Handlung erfahren muss, oder unter Ausnutzung ihres Vertrauens und/oder ihrer Unerfahrenheit.

-       Vergewaltigung

-       Sexuelle Nötigung

-       Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen (betrifft Menschen im Abhängigkeitsverhältnis)

-       Kinderpornografie

-       Exhibitionismus

Abzugrenzen ist der sexuelle Missbrauch von der sexuellen Belästigung z. B. sexualisierte Beleidigungen oder nicht gewünschte Berührungen, in arbeitsrechtlicher Hinsicht rechtswidrig, aber nicht strafbar ist. Sexuelle Belästigung führt in den meisten Fällen zur Kündigung.

 

Sexuelle Gewalt und Behinderung

Untersuchungen in der Schweiz und Österreich haben ergeben, dass Menschen mit einer Behinderung 5,5 Mal öfters Opfer sexueller Gewalt werden als Menschen ohne Behinderung. 60% haben 1 oder mehrmals sexuelle Gewalt erfahren, weibliche Personen 2 bis 3 Mal öfters als männliche Personen.

Begründungen für die Häufigkeit sind:

-       Soziale Isolation: Menschen mit einer Behinderung suchen ihr Umfeld nicht selber aus.

-       Institutioneller Rahmen: Menschen mit einer Behinderung sind auf viele unterschiedliche Betreuungspersonen angewiesen, werden oft fremd bestimmt und sind zum Teil auf pflegerische Handlungen angewiesen. Sie wachsen ohne Familienzugehörigkeit auf und sind auf emotionale Zuwendung von „fremden“ Personen angewiesen.

-       Stellenwert der Behinderten: Menschen mit einer Behinderung haben durch Geringschätzung und gesellschaftliche Verachtung öfters ein mangelhaftes Selbstbewusstsein.

-       Geschlechtserziehung: Menschen mit einer Behinderung werden oft nicht auf ihre Rolle als zukünftige Männer und Frauen vorbereitet und die persönliche Geschlechtsidentität, das Mann-/Fraubewusstsein ist zu wenig gefestigt.

-       Erziehung zur Anpassung: Menschen mit einer Behinderung, die in einem Heim leben, sind für alles Lebensnotwendige auf ausserfamiliäre Fürsorge und Zuwendung angewiesen

-       Kommunikationsschwierigkeiten: Neben der Schwierigkeit komplexe Zusammenhänge zu verstehen, fehlen die Begriffe und die Sprache sich verbal wehren zu können oder negative Erlebnisse jemandem anzuvertrauen

-       Wissen über Sexualität: Menschen mit einer Behinderung haben weniger Zugang zu den Quellen der Aufklärung. Ihre Möglichkeiten sexuelle Neugier und Bedürfnisse zu befriedigen sind stark eingeschränkt. Sie kennen die Regeln der Nähe und Distanz zu wenig und werden dadurch leichte Opfer von sexueller Ausbeutung

 

Symptome und Verhaltensauffälligkeiten bei sexuellem Missbrauch

Das Betreuungspersonal hat zum Auftrag sich für den Schutz und das Wohlsein der Bewohner einzusetzen. Deswegen muss es sensibilisiert sein auf plötzlich auftretendes aussergewöhnliches Verhalten bei den Bewohnern.

Verhaltenssymptome die hin weisen auf sexueller Gewalt können sein:

Psychischer Art:

-       Angststörungen, Unruhe

-       Depressive Störungen

-       Schlafstörungen

-       Unangemessene sexuelle Aktivitäten (z.B. zwanghafte Masturbation, exhibitionistisches Verhalten)

-       Selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität

-       Dissoziales und aggressives Verhalten

Körperlicher Art:

-       Genitale/rektale Verletzungen oder Entzündungen

-       Körperverletzungen

-       Geschlechtskrankheiten (Pilzinfektionen, rezidivierende Harnweginfekte)

-       Schwangerschaft

-       HIV – Infektion

 

6.     Vorbeugende Massnahmen gegen sexuelle Ausbeutung

 

Prävention

Prävention bedingt eine Institutionskultur, die geprägt ist von Offenheit, Transparenz, gegenseitiger Achtung und Wertschätzung.Prävention sexueller Ausbeutung verfolgt drei Zielsetzungen:

 

·         Sexuelle Gewalt muss verhindert werden

·         Verdacht auf potenzielle Ausbeutungssituationen müssen frühzeitig erkannt und so schnell und wirkungsvoll wie möglich gestoppt werden

·         der Schutz und Wiederaufbau des physischen und psychischen Wohlbefindens von direkt und indirekt Betroffenen soll erreicht werden.

 

Pädagogische Hinweise zur Prävention sexueller Ausbeutung

Unterstehende Punkte sind wichtig im Bereich der Prävention.

-       Wissens- und Sprachevermittlung zum Thema Sexualität

-       Förderung eines positiven Körperbewusstseins und Vermittlung des Selbstbestimmungsrechts über den eigenen Körper.

-       Förderung des Vertrauens in die eigene Gefühlswahrnehmung.

-       Unterscheidung zwischen angenehmen und unangenehmen Berührungen sowie konkrete   Aufklärung über sexuelle Ausbeutung.

-       Förderung eines respektvollen Umgangs mit Grenzen sowie Entwicklung und Stärkung von Abwehrstrategien gegen sexuelle Übergriffe und Gewalt.

-       Umgang mit guten und schlechten Geheimnissen.

-       Information über Hilfsangebote.

-       Den Täter zur Rechenschaft ziehen.

 

Vorgehensweise bei Verdacht auf sexuelle Ausbeutung

Ein Verdacht auf eine Ausbeutung oder eine schwere Gewaltanwendung kann heftige emotionale Reaktionen auslösen. Wichtig ist trotzdem Ruhe zu bewahren und Schritt für Schritt vorzugehen. Als Mitarbeitende soll man möglichst bald der Vorgesetzten informieren. Man soll überwachen und beobachten und Auffälligkeiten mit Datum und Uhrzeit notieren. Meldet sich das Opfer selber oder sind die Vermutungen schwerwiegend soll man beim Opfer nachfragen und Aussagen schriftlich  festhalten.

Bei Vermutungen über oder tatsächliches Wissen von sexueller Ausbeutung gilt die allgemeine Meldepflicht.

 

Meldung bei Verdacht von Missbrauch in der Institution

Bei Verdacht auf sexuellem Missbrauch erfolgt die erste Meldung an die direkte Vorgesetzte und die Direktion. Die Führungspersonen bilden die Interventionsgruppe für den Verdachtsfall. Wenn es bei dem Verdacht um aktuelle Vergewaltigung geht, veranlasst die Interventionsgruppe mit Einbezug der betroffenen Person sofort eine Untersuchung bei einem Arzt.

Besteht ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch ausserhalb der Institution werden so rasch wie möglich alle notwendigen  Massnahmen und Abklärungen zum Schutze des Opfers eingeleitet:

-       Veranlassung von medizinischen Untersuchungen

-       Dem Opfer den nötigen Schutz und die entsprechende Betreuung gewährleisten

-       allfällige Spuren  als Beweismaterial sicher stellen

-       eine rasche Aufklärung einleiten und Massnahmen dem Täter gegenüber treffen.

 

Polizeiliche Anzeige

Erst wenn man eine Anklage machen will, wird die Polizei informiert. Sexuelle Gewalt ist ein Offizialdelikt, d.h. die Polizei muss aktiv werden, sobald man es ihr meldet. Die Polizei kann man nicht nur informieren, sondern mit der Information ist bereits eine Anzeige gemacht. Eine polizeiliche  Anzeige erfolgt nur von der Direktion.

 

Sofortige Freistellung von der Arbeit

Bei Verdacht oder begründetem Verdacht auf sexuelle Handlungen mit Bewohnern erfolgt bis zur definitiven Abklärung des Sachverhalts eine sofortige Freistellung von der Arbeit. Bei erwiesenem Tatbestand erfolgt die fristlose Auflösung des Arbeitsverhältnisses.

Schweigepflicht

Im Falle eines Verdachts gilt für alle involvierten Mitarbeiter die absolute Schweigepflicht. Dies heisst, es geht nur eine Meldung an die direkte Vorgesetzte und die Direktion. Kann man sich wegen Gewissenskonflikten nicht an diese Personen wenden, ist es möglich der Psychologin oder der Direktorin von Camz zu benachrichtigen.

 

Umgang mit der betroffenen Person

-       Jegliche Hinweise einer betroffenen Person werden ernst genommen. Ihr wird möglichst rasch Sicherheit vermittelt.

-       Ihr wird transparent gemacht, welche Personen informiert worden sind und an wen sie sich wenden kann.

-       Es wird ihr Empathie und Verständnis vermittelt.

-       Es werden  keinerlei Vorwürfe oder Schuldzuweisungen über das Geschehen gemacht; es wird nur zu Aussagen ermutigt.

-       Umgang mit behindertem Opfer und behindertem Täter: Beide getrennt begleiten und den Kontakt zwischen Ihnen auf das Minimum reduzieren.

Umgang mit der verdächtigten Person

Es gilt:

-       Die verdächtigte Person unterliegt ebenso der Schweigepflicht

-       Die Unschuldsvermutung wird  bis zum Beweis des Gegenteils auf Recht erhalten.

 

Umgang mit falscher Anschuldigung

Die verdächtigte Person bleibt unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist. Wenn eine Vermutung sich als falsch herausstellt oder wenn sie nicht bewiesen werden kann, wird die Person rehabilitiert und werden alle Informierten darüber in Kenntnis gesetzt.

 

Protokoll

Alle Gespräche werden schriftlich mit Datum festgehalten. Personalien, Daten und wichtige Aussagen von Zeugen werden dokumentiert und bleiben während der Untersuchung unter Verschluss bei der Direktion.

 

Gründe um einen Fall abzuschliessen

-       Eine Vermutung hat sich als falsch herausgestellt. Alle Beteiligten werden darüber möglichst rasch informiert.

-       Der Verdacht hat sich bestätigt und die nötigen Massnahmen wurden eingeleitet.

-       Anzeige wurde erstattet und die weitere Bearbeitung des Falles liegt in den Händen der Justiz.