Ausgangslage für das Projekt Parasolka
Situation der Menschen mit einer Behinderung in der Ukraine
Während der Sowjetzeit waren behinderte Menschen im Gebiet der Ukraine ein Tabu. Eine Behinderung galt als Strafe und war eine Schande. Diese Auffassung ist zum Teil insbesondere in ländlichen Gegenden wie Transkarpatien bis heute in den Menschen verwurzelt. Viele Mütter gaben deshalb ihren behinderten Säugling nach der Geburt in die Obhut des Staates. Andere sahen in ihrer finanziellen Notlage keine Möglichkeit, selber für ihr behindertes Kind zu sorgen und gaben es deshalb weg.Säuglinge und Kleinkinder bis zu drei Jahren wurden in einem speziellen Haus untergebracht. Eine Kommission teilte sie in die Behinderungsgrade eins bis vier ein und verlegte sie in die entsprechenden Heime. Die körperlich und/oder geistig behinderten «Waisenkinder» wurden in abgelegenen Häusern, zum Beispiel im Waisenhaus von Vilshany, von der übrigen Bevölkerung isoliert und versteckt.
Das Waisenhaus Vilshany
Das Waisenhaus von Vilshany liegt im Rayon Chust im engen und abgelegenen Tal der Tereblja. Das Heim ist dem Ministerium für Soziales unterstellt. Ihm wurden in der Regel Mädchen und Buben der dritten und vierten Kategorie (schwere bis schwerste geistige und teilweise körperliche Behinderungen) zugeteilt. In diesem isolierten und für Aussenstehende unzugänglichen Heim ging es während der Sowjetzeit lediglich ums nackte Überleben der Kinder. Mit knappem Budget wurden sie mit dem Lebensnotwendigsten versorgt. Sie erhielten kaum Liebe und Zuwendung. Die Nahrung war mangelhaft; hygienische Einrichtungen und medizinische Versorgung existierten kaum. Es gab kein warmes Wasser, keine Badezimmer. Im Winter stieg die Temperatur in den Zimmern selten über zehn Grad. Unter diesen miesen Bedingungen erreichten nur wenige der Kinder das Erwachsenenalter.
Eine Veränderung setzte durch den Einfluss des Westens mit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahre 1991 ein. Seit 1994 haben sich insbesondere das französische Comité d’Aide Médicale (CAM) und seine ukrainische Partnerin, das Comité d’Aide Médicale Zakarpattia (CAMZ), mit grossem Engagement für Verbesserungen eingesetzt. Sanitäre Einrichtungen, Ernährung und medizinische Versorgung wurden verbessert. Einige der Kinder konnten z.B. dank gezielten Massagen und einem psychomotorischen Programm zum Gehen gebracht werden.
Dank der Unterstützung durch das französische Comité Catholique contre la Faim et pour le Développement (CCFD) wird seit 2001 eine Gruppe von rund 30 bildungsfähigen Kindern in einem speziellen Programm praktisch gefördert. Dazu steht seit 2002 ein neu gebautes Gebäude mit einem Versammlungssaal, Werkräumen, einer Küche und einem Esszimmer zur Verfügung. Allerdings haben sich sowohl das CAM (2002) als auch das CCFD (2006) inzwischen aus Vilshany und aus der Ukraine zurückgezogen.
Neue staatliche Rahmenbedingen: Chance für Parasolka
2007 hat das Ministerium für Arbeit und Soziales der Ukraine neue Rahmenbedingungen für den Umgang mit behinderten Kindern und Erwachsenen erlassen. Die Forderung, dass alle Kinder Anrecht auf individuelle Förderung haben, ist eine wichtige Unterstützung für das Projekt Parasolka.
Bericht Monika Fischer Mai 2006 als PDF